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Texte & Briefe

Die vorliegende Auswahl beinhaltet die von Werner Berg selbst veröffentlichten Texte und Textmanuskripte zu diversen Anlässen, sowie eine kleine, markante Auswahl aus seinem reichen Briefwechsel.

Texte

Der Rutarhof, wie sich unsere Hube etwas großspurig nennt, liegt auf der Südweststrecke des dem Hochobir vorgelagerten Bergriegels, unter dem die Vellach in die Drau einmündet. Wer einmal dort war und Augen hatte, empfand noch stets die Besonderheit der Situation: Jenseits der Drau, die vor der Annabrücke einen Knick beschreibt, steht über Waldstürzen die Felsstirne des Skarbin. Sie teilt den westlichen Ausblick in zwei Hälften, man möchte sagen, in zwei Welten: nordwestlich die des Jauntales und des Klagenfurter Beckens, das wie auf einem Plan gebreitet liegt, der von den Nocken, auch Tauern an klaren Tagen, eingefasst ist. Südwestlich geht die Sicht weit ins Rosental, das sich von hier aus weniger bekannt, doch umso schöner und geschlossener darbietet. Gegen Sonnenaufgang spricht in den Waldbreiten der Dobrova und in den Ausläufern des Gebirges der Osten vernehmlich und anders. Über allem aber ragt südlich der Obir, dessen Silhouette sich hier wahrhaft klassisch-edel in den Himmel schwingt und der für alles, was sich unter ihm ereignet, so etwas wie ein Signum und ein Zeuge ist.

Dieser Hof und dieser Himmelsstrich wurden mir, wenn das Wort nur irgend angeht, zur Wahlheimat. Ich sage Wahlheimat und empfinde sogleich die Bedenklichkeit des Wortes: Wer kann denn seine Heimat wählen? Der erste Mutterlaut und der Garten der Kindheit, der Wald früher Geheimnisse und der dunklere der Ahnen, all dies, ich weiß es wohl, ist unauswechselbar, und jeder, der kein farbloser Wicht ist, trägt zeit seines Lebens diese Heimat in und mit sich. Qui trans mare currit, non se ipsum fugit. Auch ich werde diese Heimat nie vergessen noch verleugnen, und ich müsste viel Eindringliches sagen, wollte ich den Charakter des sogenannten Bergischen Landes begreiflich machen, das dem Rheinland angehört und geschichtlich, sprachlich und geistig eine Enklave von großer Eigenart darstellt zwischen rheinischer Aufgeschlossenheit und westfälischem Insichgekehrtsein, zwischen Schollenliebe und Weltweite, deren Wind mich früh schon stark anwehte. Elberfeld ist die Geburtsstätte des Hans von Marées, der unter den deutschen Malern des vorigen Jahrhunderts ein Souverän sondergleichen war. Meinem Elternhause gegenüber hing im Museum eine große Anzahl der schönsten Marées-Bilder, und ich spüre noch heute des Kindes Ahnen in mir, damals vor jedem Begreifen, dass sich in diesen Tafeln etwas Dunkel-Großes begebe. Im Niederrheinischen liegt auch die Heimat Hans Leifhelms, des jüngst in der Fremde so tragisch Verstorbenen, und ich erwähne den Namen des mir nahestehenden Dichters nur, weil auch ihm in der Steiermark, anders, aber doch verwandt, vom Schicksal ein Auftrag zuteil wurde.

Und damit rühre ich an das entscheidende Wort und meine, diese zweite müsse eine Schicksalsheimat sein, im Grunde zu bestimmt und unwählbar wie jene erste. Dann mag es auch geschehen, dass der so Hinzukommende eine besondere Empfänglichkeit und Empfindlichkeit für vieles mitbringt und bewahrt, das dem Heimischen von jeher als ein Selbstverständliches oder Beiläufiges erscheint. Er würde dann zum Durchgang, zum Instrument etwa, auf dem die Weise seiner neuen Heimat seltsam tönend wird. Dies wäre freilich das Gegenteil dessen, den der Zufall verschlug, der Sommerfrischenexistenzen oder des „Reisemalers“, der bald hier, bald dort, heute in den Niederlanden, morgen in Nizza, seine Staffelei aufstellt und mit flinkem Pinsel alles malt, was jeder wünscht, ein Kosmopolit, doch bei Gott kein Weltbürger. Der Weltbürger hat stets über die engeren Bezirke hinaus noch ein Vaterland ohne Grenzen, dessen Helden und Heilige in vielen Zungen reden, aber die alle gleich verpflichtenden Male des Geistes tragen. Ich könnte aus einer Fülle auf

merkwürdige Beispiele verweisen und verwechsle gewiss keine Maßstäbe: Joseph Conrad und Holbein in England, von Swieten, Brahms, Beethoven in Wien oder Wilhelm Leibl in Oberbayern – oder jener Niederländer schweren Blutes, dessen Name uns zum Inbegriff der Sonne der Provence wurde. Und der spanischeste aller Spanier war und hieß – El Greco.

Kein Verstand hätte mich so gut beraten können, wie ein Instinkt mich einst leitete und hierherführte. Der sagte mir schon in frühesten Jahren, als ich zur Kunst strebte, dass es darauf ankomme, die Kunst wieder an das Leben zu binden, eine Lebensform zu gründen, die in sich Sinn habe und mit Anschauung gesättigt sei. Ich kannte manchen Begabten, der sein gestaltkräftiges Ahnenerbe bald vertan hatte, und ich schauderte vor der Unnatur von Begriffen wie Atelier, Kunstverein und Glaspalast. Als Kind schon war ich oft und mit Freuden in den Alpenländern, und während eines längeren Aufenthaltes in Kleinasien wurde die Erinnerung an ihre grünen Matten zur starken Sehnsucht. Vor 24 Jahren kam ich zum Studium nach Wien, und seitdem wurde mir Österreich zum Schicksal, zum Boden meiner geistigen Entwicklung. Dass ich dann, Maler geworden, mit meinem Kindheitsfreunde Kurt Sachsse, den nun schon 11 Jahre die Erde deckt, auf dem Rutarhof in Kärnten landetet, war Fügung oder, besser: eine Kette von Fügungen. Das Unterland, das so abseitig und unbeschrien ist, da sich der Fremdenstrom stets westlich von Klagenfurt ergießt, hatte es mir bald angetan. Ungewöhnlich und von keinem Klischee erfassbar erschienen mir auch von Anfang an die Menschen, die Kärntner Slowenen, deren Wesen ich noch nirgends echt geschildert sah. Es wäre so töricht wie falsch, sie herabzusetzen, noch auch sie billig zu idealisieren. Katholische Religiosität im Verein mit aus dem Schoß der Uhrzeit Überkommenem, ein unentwegter Fleiß und Misstrauen gegenüber großen Tönen, aber auch gegen alles zu Klare kennzeichnen die Bevölkerung. Nach einem Jahre Hiersein hätte ich leichter und mehr aussagen können als jetzt nach über zwanzig Jahren, denn alles, was sich hier vollzieht, ist nicht leicht benennbar oder durchsichtig. Eben dies Geheimere musste aber für den Künstler unserer Zeit, der ja dem Vordergrund der Dinge misstraut und die Erschütterung der Welt in den Eingeweiden spürt, ein großer Anreiz sein.

Gewiss gibt es anderswo prächtigere Trachten und stattlichere Menschen, aber nur zu leicht fehlt – ich habe es zuweilen erfahren – jenes schwer zu definierende Gewürz der Besonderheit. Wer von denen, die nicht mit den Pappendeckelkronen der Altmeisterlichkeit spielen, könnte noch jene klare Selbstverständlichkeit und robuste Frische anstreben wie Courbet oder Leibl? Der Sprung, der Hang zu Chimäre, man mag ihn bedauern oder nicht, ist unleugbar, auch ist es das Chimärische nicht allein, das in den Geräuschen des Tages auf den unheimlichen Unterton horchen lässt, lange noch, bevor der steinerne Gast auftritt. Man gehe in eine der unberührteren Dorfkirchen, zu Allerheiligen auf den Friedhof von Eberndorf oder an einem der bestimmten Feiertage zum Hemma- oder Liesnaberg, wo das Volk zusammenströmt und eine Fülle von Anblicken bietet, in denen man mühelos hinter Anekdote und Folklore große Form, zeitlose Begebenheit und bildträchtiges Geheimnis entdecken kann. Immer wieder fesselt mich, Sinnbild der menschlichen Urangst überhaupt, das Bild der betenden Bäurin: steil, ernst und voll Hingegebenheit. Nicht selten reiße ich die Augen auf vor Staunen, dass diese archaisch große Form und mythenhafte Versunkenheit wirklich sind, Wirklichkeit unserer Tage und nichts fern Beschworenes oder museal Konserviertes. In solchen Augenblicken offenbart und erneuert sich fern allem Wollen der Gebildeten Volkstum. Man schaue sich auf das Kircheninnere an, dessen reiche Ausschmückung und Farbigkeit ihren unverwechselbar eigenen Charakter haben.

Nun sind es fünfzehn Jahre, dass ich mit meiner allmählich groß gewordenen Familie auf dem Rutarhof sitze, ein jeder durchdrungen von der Einmaligkeit einer Aufgabe, die mich ein gültiges Geschick erfüllen lasse. Hier ist der innere Bezirk des Hauses, der oft den Gegenpol der malerischen Themen abgibt. Jedes Wort wäre zuviel und zuwenig über die unermüdliche Herrin des Hofes, und die Kinder alle helfen und leisten mehr, als einem Außenstehenden begreiflich erscheinen mag. Auf drei Terrassen liegen die Felder, einst vom Gletscher abgeschliffen, die Moränenhänge mit karger Grasnarbe dazwischen, deren Bearbeitung saure Mühe kostet, und der Wald ringsum schließt das kleine Reich ab, wahrhaft ein Reich für sich. – Und dort ist die Außenwelt, nah und fern, langvertraut und undurchdringlich zugleich. In immer neuen Bildern strebe ich dem Bilde zu, das ungreifbar bleibt. Und dann die ewiggroßen Augenblicke des Jahres: das durscheinende erste Grün vor dem Blau und Grau des Maigewitters – der Himmel mittagheiß zitternd über dem eben geschnittenen Getreidefeld – die auffliegenden Morgennebel des Oktobers voll Glanz und Wehmut – und feierlichster Augenblick vielleicht: Klarheit, Weiße und Stille der Winternacht. Im Tale unten rauscht die Vellach, und in den Himmel zeichnet bis in die Träume der Obir Aufschwung, Gipfel und Verwellen. Vor den Sternen bebt im Nachthauch ein Ast, und seine Sprache überhört ich noch zu keiner Stunde:

„Das Ungeheure begreift nie der Sichre.“

Simone Weil: „Der Gegenstand der Forschung soll nicht das Übernatürliche sein, sondern die Welt. Das Übernatürliche ist das Licht: macht man es zu einem Gegenstand, so erniedrigt man es.“

Igor Strawinsky: „Es ist eine Erfahrungstatsache – und sie ist nur scheinbar paradox - , dass wir die Freiheit durch eine strenge Unterwerfung unter das Objekt finden.“

Sehr verehrter Herr Dr. Zahn!

Für Ihre Aufforderung, einen Beitrag zum Thema dieses Heftes „Der Gegenstand in der Malerei heute“ zu liefern, danke ich Ihnen herzlich. Diskussionen sind eine fragwürdige Angelegenheit, doppelt fragwürdig für den, der auch die letzte Kraft daranzusetzen hat, seine eigene künstlerische Aufgabe zu ergreifen und zu erfüllen. Aus der Arbeit zur Arbeit zu sprechen hat jedoch nicht mit literarisierendem Abschweifen zu tun – ich denke da an das erlauchte Beispiel Igor Strawinskys und seiner Poétique Musicale -, und wie dürfte ich es ausschlagen, mich gerade auf dem Forum Ihres Kunstwerks zu stellen.

Abstrakte Malerei – Gegenständliche Malerei, die Nomenklatur ist gegeben und dient, mag sie uns noch so missfallen, zur Verständigung, selbst wenn wir wissen, wie schief und unstichhaltig die Alternative ist. Zuerst und zuletzt entscheidet die Ordnung der gestaltenden Elemente auf der Bildfläche, und wenn dies mit Redlichkeit, Verstand und Intensität geschieht, wird es stets Ausdruck der Zeit sein, mag diese nun zitiert und unterstrichen sein oder nicht. Modernität ist eines, Modernismus ein anderes, und die besten Erzieher unseres Jahrhunderts haben Fortschrittswahn und Revolutionsgläubigkeit längst entlarvt.

Auf dem Gebiet der Malerei, vielmehr auf dem ihrer ästhetischen Kontrolle , sind nun inzwischen die Begriffsprägungen so geläufig, dass es nur die Wortsignale zu stellen gilt, um sofort die ganzen Gleisanlagen zu überblicken: vom Abbild bis zum Sinnbild, von den Zeichen bis zu den Flecken, vom Konstruktiven bis zum Informellen. Da sind keine Texte mehr auszuwalzen.

Hier soll ich mich ja auch lediglich zum Gegenstand als Gegenstand der Malerei äußern. Ich tue es mit Freuden und so etwas wie gläubiger Gewissheit – auf jegliche Gefahr hin. Doch bevor wir dem Gegenstand auf den Leib rücken – er hat ja gottlob noch einen -, wollen wir feststellen, dass er in verschiedenen Bedeutungen aufscheint, die gern verwechselt werden und deren tiefere Zusammenhänge nicht vorschnell und allzu einleuchtend simplifiziert werden dürfen. Mit dem Endergebnis der Sentenz: Der Gegenstand ist heutzutage vernichtet, aufgelöst, seine Aussagekraft erschöpft. So sagt man doch, oder so sagt es sich Forschung, die als bestürzendes Ereignis unser Äon aufreißt. Wir haben es zuletzt nur mehr mit Zeichen und Formeln zu tun, mit Gleichungen hohen und höchsten Grades, in denen der Mensch, der sie mit staunenswerter Geisteskraft angesetzt und errechnet hat, nicht mehr sich selbst begegnet (Heisenberg).

Dann ist das der Gegenstand als Objekt der spekulativen Philosophie, die Statuierung des Nicht-Ich gegenüber dem Ich, das Thema des Deutschen Idealismus, das mit anderen Vorzeichen – hüten wir uns vor Wertungen – im dialektischen Materialismus wiederkehrt und in jeder ontologischen, phänomenologischen Bewusstwerdung nachwirkt. Erst das Existenzdenken Kierkegaards, das den Erkennenden in den gesamten Bereich des zu Erkennenden einbezog, lieferte – in unserem Säculum erst eingeholt – nein, nicht die dialektisch- synthetische Überwindung, sondern den völlig neuen Ansatzpunkt du Denken und Verhalten, welche Situation für den Standort unseres engeren Bereiches, den einer „gegenständlichen“, einer „Existenzmalerei“, fundamentale Bedeutung hat.

Endlich ist da der Gegenstand als die Fülle der wahrnehmbaren Begegnungen im unausweichlichen Schicksalsbereich von Raum und Zeit, die wie eh und je Erlebnis des Menschen ausmachen und die Anschauung des Malers speisen. Wenn immer ich als Maler das nüchtern-sachliche Wort „Gegenstand“ ausspreche, muss ich lächeln darüber, was alles es umfasst: vom Stuhl aus der Möbelhandlung bis zum Menschenantlitz, von der Blume bis zum Gestein und vom Gestirn bis zum verborgenen Leben der Mikroben. Nun, darauf beruft sich gleicherweise der „Abstrakte“, der „parallel zur Natur“ gestaltet oder gar radikale Spontaneität beansprucht. Die Möglichkeit des „Bildes“ als solche aber gegenüber dem „Begriff“, das Abheben des Bildes von der Wirklichkeit ist an sich schon voller Geheimnis, aus welchem sich Kunst bereits in der geringsten Aktion echter gestaltender Mittel gebiert.  Funktionell sind durch Erfindung und Verbreitung der Fotografie erhebliche Verschiebungen eingetreten, prinzipiell jedoch ist dadurch keinerlei Bildfindung erschüttert. Eine mit aller Ausführlichkeit und Akribie dargestellt Vedute des Canaletto ist zugleich voller Schrift und Zeichen, Signum einer vom Geist geführten Menschenhand nicht minder als die Vehemenz van Goghscher Weltergreifung. Der Verfall ist erst dort eklatant, wo Zeichen und Bezeichnetes in keiner mittelbaren Relation mehr stehen, die ja entgegen progagiertem Irrtum auch in der sublimsten, dingfernsten Zeichenschrift der Asiaten noch herrscht. Ein anderes Beispiel: Die naive Vorstellung und Darstellungsabsicht des Zöllners Rousseau ist zugleich voll höchster künstlerischer Intelligenz, und es ist weder Witz noch Zufall, weder Rückfall noch retardierendes Moment, dass der Douanier seither seinen Platz in der ersten Phalanx der Moderne einnimmt. Es würde nebenbei eine eingehende Untersuchung brauchen und lohnen, den Bedeutungswandel der bildnerischen Begriffe und ihres Gehaltes zu konstatieren, die sich unter der Hand nicht selten in ihr Gegenteil verkehrt haben. So vor allem ist „Realismus“ zur Bedeutungslosigkeit zerdehnt. „Abstraktionen“ meinte doch eben noch den abgelösten Bereich der Begriffe, und von „Weltanschauung“ spricht man, wo nur mehr gemeint und nicht angeschaut wird.

Doch kehren wir zu den Determinierbarkeiten der Malerei zurück. Immer handelt es sich um die Ordnung der Bildelemente auf der Fläche aus unserer Imaginationsfähigkeit und Existenzverhaftung, um eine Kunst „die dem Viereck und dem Kosmos gerecht werde“ (Meyer-Amden). Die Vielfalt solcher bildnerischen Möglichkeiten ist in jeder Art Malerei, durchaus auch in der gegenständlichen, unausschöpfbar, und die Erfahrung belegt dies mit einer Fülle divergentester Gestaltungsvollzüge, die sich, womöglich benachbart, zu gleicher Zeit überschneiden. Das überaus wichtige abstrakte Element will mir jedoch immer im Sinnzusammenhang des Darstellbaren eingeschlüsselt und nie pur herausstellbar erscheinen, ebenso wenig wie wir Menschen nicht aus dem Drama des Menschseins, aus Raum und Zeit der Geschichte, herauszutreten vermögen.

Diese unsere geschichtliche Kontinuität stellt gleichwohl zu allen Epochen in schicksalhaften Konstellationen verschiedene Aufgaben, und es wäre ein Irrtum, wenn nicht böswillige Dummheit, zu bestreiten, dass der Auftrag diesmal an die abstrakte Malerei ergangen wäre. Seit einem halben Jahrhundert hat sie alle erdenklichen und unerdenklichen Formen und Substanzen durchexerziert. Wieviel davon findet sich bei Kandinsky, der den „abstrakten Pol“ entdeckte und wie keiner vor und nach ihm die Konsequenzen ergriff und durchstand. Vergessen wir nicht, dass er selbst deutlich und generös alle Möglichkeiten des Gestaltens zwischen den Polen des Abstrakten und des Realen affenhielt, sehr im Gegensatz zu manchen totalitären Apologeten des Abstrakten. Zuweilen geht diesen mit der Begeisterung des Fortschrittelans die Besinnung durch – keineswegs zu verallgemeinernder Grenzfall -, mit geradezu naivem Fanatismus werden dann die Fahnen der Neuen Zeit gehißt und will man im Zeichen absoluter Emanzipation das unentrinnbar tragische  Lebenskonzept des Menschen in einem anderen, nämlich abstrakten Arkadien abgeschafft wissen. – Das „eritis siccut Deus“ wird zu keiner Erdenzeit gelten.

Notwendig rühren wir damit an den Glauben. Den Glauben, dass die Wirklichkeit und zur Bewältigung aufgegeben ist und dass keines Ingeniums Geist und Kraft je ausreicht, die Möglichkeit ihrer darstellenden Gestaltung auszuschöpfen, die immer zugleich Verwandlung und Durchsichtigmachen bedeutet.

Die nicht unberechtigte Frage nach den symptomatischen Leistungen derzeitiger gegenständlicher Malerei entscheidet gleichwohl nicht gegen ihr Potenzial. Derlei ist nicht statistisch zu belegen. Selbst wenn sie jetzt zu Schwäche und Gewichtlosigkeit verurteilt wäre, könnte dies auf anderer Ebene die Rolle spielen wie der „Atheismus als Läuterung“ (Simone Weil), die Ausschaltung des Salbaders, die zu einer aus dem Ursprung erneuerten Anstrengung zu führen vermöchte. Aber auch die Superatombombe unserer Ängste, Zeitkorrelat jener arkadischen Träume, kann das Ordnungsgefüge der Weltaggregate noch in der radikalsten Zerstörung nur bestätigen.

Unter solchem Aspekt gibt es für den Maler weder geringfügige noch erledigte Aufgaben, und jegliches mit redlichem Ernst ergriffene Darstellen rührt ans Erhabene. Für uns ist – mit Kassner – die Erde kein x-beliebiger Stern und Sternen. Noch setzen wir die Zeitenwende nach dem einzig offenbarenden Ereignis, und die Ebenbildlichkeit des Menschen, die Personalität in der Weltenordnung bedeutet nicht anthropozentrische Überheblichkeit, sondern Anerkennen von Maß und Mitte.

Für uns Hiesige gibt es keine pure Transzendenz, und gerade das durchaus mystische Faktum der Kunst erfordert Ordnung, Disziplin und Unterwerfung. Die Meister dieser und jener Observanz ziehen es vor, vom Handwerk zu reden, statt sich mit mystifizierender Willkür zu drapieren. Die letzten Entscheidungen aber fallen nicht aus einem Abwägen von Pro und Kontra. Sondern aus schicksalhafter Bestimmung, und das Unwägbare bleibt unberedbar.

Sehr verehrter Herr Doktor: darf ich zum Schluss noch zwei Zitate hersetzen. Ich kenne kein eindringlicheres und klareres Malerbekenntnis als die knappen berühmten Sätze Beckmanns:

„Es gibt kein Rezept für Kunst. – Das Maß der Intensität des Betrachters ist das Entscheidende. – Glücklich ist derjenige, welcher begriffen hat, dass die uns gegebene Wirklichkeit das größte Mysterium unserer Vorstellung ist. – Willst Du das Unsichtbare kennenlernen, ergib Dich mit ganzem Herzen dem Sichtbaren.“

Und aus einem früheren Kunstwerkheft schreibe ich eine Briefstelle Rilkes ab:

„ – ich habe also, während der Kriegsjahre oft genau diese zu erleben gemeint, dieses Ausfallen des Gegenstandes. – Es gehört eine Obstination von Städtern dazu zu behaupten, es existiere nichts mehr: ich kann mit Deinen kleinen Himmelsschlüsseln ganz von vorne anfangen, wirklich, nichts hindert mich, alles unerschöpflich und unverbraucht zu finden: wovon sollte Kunst je ausgehen, wenn nicht von dieser Freude und Spannung unendlichen Anbeginns.“

Sooft ich, gleichsam von außen, diese meine Existenz auf dem Rutarhof in Unterkärnten betrachte, muss sie mir seltsam genug erscheinen: da lebe und werke ich, Bürgersohn aus dem dichtverbauten Zentrum einer der gewerbeemsigsten Städte des deutschen Westens, seit 26 Jahren auf einem einschichtigen Berghof des südöstlichen Kärnten, das noch in der Sonderlage Österreichs eine Grenzsituation darstellt. Im Bergischen Land, der Heimat der Herkunft und nie überdeckten Erinnerung, behaupteten sich zur der Zeit, in der ich aufwuchs, gegen Vergrauung und steinerne Verödung noch viele Bürgerhäuser deftig, gediegen und sehr sauber in ihrem schwarz-weißen Fachwerk oder schwarzen Schiefer mit weiß-grünen Fenstern und trugen über den Haustüren geschnitzten Rokoko-Zierat französischer Spielart.

Das Plattdeutsche – an der letzten Grenze vor Limes und innerrheinischem Sprechsington – war durchsetzt mit den kuriosesten französischem Sprachbrocken, und dass etliche Mitbürger klingende welsche Namen trugen, hatte nichts auffallend Fremdartiges an sich. Und nun wohne ich unter den Kärntner Slowenen, die ihren slawischen Dialekt sprechen, in dem viel Deutsches eingeschmolzen ist. Welcher Art einmalige ethnische Windrose dieses Kärnten ist, an dessen Grenzen sich Slawen, Romanen und Germanen begegnen, ist immer wieder zu betonen. Dass ich Künstler würde und meiner Familie Daseinsform an Mitteleuropas Südostrand gründen sollte, war mir nicht an der Wiege gesungen.

Meinen Ort in der menschlichen Gesellschaft zu bestimmen, muss ich zurückschauen. Die Vorfahren des Vaters kamen aus dem Stockwestfälischen, der Großvater betrieb mit vielen Gesellen die Herstellung von Lampen, Geräten und Installationen und verpasste aus zäher Beharrung und frommer Rechtschaffenheit den Anschluss an die Industrialisierung. In der mütterlichen, rheinischen Familie floss französisches Blut aus der Welle der zweiten Immigration, der Revolution. Die tätige, rüstige, allzeit ungebrochene Kraft des elterlichen Hauses und Geschäftes war die Mutter. Der Vater, ein vielseitig und inständig interessierter Humanist, konnte trotz mancher Ehrenämter und Liebhabereien eigentlich recht nie in der Mitte seiner selbst leben. Sein Bruder, dessen Bildnis stet legendär erschien, wollte Maler werden und zerbrach am Bürgersinn, dieser Integration von Gottesfurcht und Selbstgerechtigkeit.

Dass ein später Nachkomme dann gleicherweise Begabung und Begehren zeigte, stand unter keinem günstigen Vorzeichen. Weltkrieg – der erste, alles verwandelnde – und Nachkriegszeit brachen vollends das Ungestüm und die Unbekümmertheit der Jugend. Der Vater starb an Kriegsfolgen 1917, einer der Brüder, der Schwester Verlobter und der wie ein Sohn gehaltene Vorgeselle fielen im gleichen Jahr, und der andere Bruder, der bei der Marneschlacht schwer verwundet wurde, galt noch Monate danach als vermisst. Die einstige Basis einer gediegenen, wenn auch nicht übermäßigen Wohlhabenheit war erschüttert. (Der letzte Krieg rieb den Rest meiner Stammfamilie auf.) So ging ich nach der Matura, der niedergebeugten Mutter zur Freude und Erleichterung, in die Industrie arbeiten. Bald boten sich mir Chancen in Übersee, doch wollte ich zuvor noch vom Geistigen kosten und studierte an der neuen Kölner und alten Bonner Universität.

„Deutsche Studenten, kommt in die bedrohte Ostmark!“ leuchtete es von Werbeplakaten, und da es ein wenig besser ging daheim und besorgten mütterlichen Erkundigungen die Auskunft wurde, dass Wien „kein Nachtleben“ habe, zog ich Anfang 1924 auf ein Semester nach Wien – und blieb, zumal ich die Kommilitonin des Lebens gefunden hatte und die wirtschaftliche Lage nunmehr ein Fertigstudieren gestattete. Der romantizistische Idealismus Othmar Spanns ging damals hoch in Wogen, und sein Zauberwort „Universalismus“ wirkte – man verzeihe dem jugendlichen Schwärmer – nicht anders als die Flöte von Hameln. Ich habe diese Entzündung überstanden und daraus gelernt. Als ich, Assistent inzwischen, mich zur Habilitation vorbereiten sollte, kam es wie der Blitz über mich, Maler zu werden. Ich ging an die Wiener Akademie, bekam ein „Meisteratelier“ an der Münchener bei Karl Caspar, durfte später väterlich-freundschaftliche Förderung durch den verehrten Emil Nolde finden und tat mich auch im Ausland um.

Schon im Anfang meines Wiener Universitätsstudiums, während dessen ich weite Reisen in den Osten machte, durfte ich meiner späteren Frau begegnen und mich verbünden, dem Menschen, der mir seither als Inbegriff von Erfüllung und Beständigkeit klar, tapfer – und voll Gesang selbst in kargsten Zeiten – zur Seite blieb. Dergleichen hat man für sich zu behalten, ich weiß, aber ach Sokrates, ach Schopenhauer, ach Nietzsche, ach Kierkegaard, ach Vincent und povero Pavese!, wieviel vermeintlich absolute Erkenntnis wäre, befruchtend und befruchtet, nicht zur Skepsis geronnen, wenn …

Inzwischen hatte ich auch meinen Jugendfreund Kurt Sachsse wiedergetroffen, der vor mehr als 20 Jahren tragisch endete und sich damals, Dichter von Berufung, geistig überreif und gefährdet, zu Ausgleich und Befestigung auf die Landwirtschaft verlegt hatte. Bald beschlossen wir, da wir das für unsere Zeit Fragwürdige puren Berufskünstlertums erkannten, uns auf dem Lande einzurichten. Es würde einen eigenen Bericht ausmachen, wie wir uns dann auf dem Rutarhof gegenüber den Unterkärntner Karawanken ansiedelten, wo alle Umstände so völlig verschieden waren vom gestellt Älplerischen zwischen Dulliäh und Holladrioh. Inzwischen habe ich die kleine Welt Südkärnten voll symptomatischer Besonderheiten, Restmodell einstiger und Lehrfall künftiger Völkersymbiose, erkennen und anerkennen gelernt, und jenseits aller Tendenz und Voreingenommenheit durfte ich in meiner künstlerischen Arbeit zum Zeugen meiner Wahlheimat werden.

Zwei Vorgegebenheiten haben wesentlich dazu beigetragen, dieses Einfühlen und Einfügen zu ermöglichen. Die eine war das stete Angeschlossensein an den alten, weiten Stromkreis des Katholischen ohne das die tiefere und vertrautere Beziehung zu den Menschen hier undenkbar gewesen wäre. Das hat zunächst mit dem theologischen Aspekt und bekenntnishafter Parteiung weniger zu tun, als mit einer Gesinnung, wie sie uns beispielhaft, weltoffen und innerlich schwingend in Annette Kolbs Mozartbuch bezeugt erscheint. – Die andere Bindung wurzelt im „Volk“, womit ich jetzt nicht die nationale Besonderung meine, sondern die nährende Humusschicht menschlicher Gemeinschaft. Jene Bürger im Bergischen, im Tal voller Schlote noch vielfältig verbunden dem echten Bauernland ringsum, besaßen Daseinskraft und Art, die gleich weit entfernt war von der Gesichtslosigkeit des Proleten wie von der des Cottagebewohners. Meine Frau wiederum entstammte einer alten Milchmeierfamilie aus einem der Wiener Vororte, in denen es trotz veraltungsmäßiger Eingemeindung immer noch nach Erde, Dung und Wiesen roch.

Volkssprache findet über die Idiome hinweg sympathetische Resonanz auf der ganzen Menschenerde. Die Erinnerung macht mich lächeln: Wenn meine Mutter, deren kerniggerade Art der wurzelfesten Alten auch im anderen Land vom Knecht wie vom Nachbarn geachtet wurde, dich hier besonders deutlich verständlich machen wollte, verfiel sie unwillkürlich ins Plattdeutsche. Kein Kauderwelsch hin und her mag je ärger an den Ohren vorbeigegangen sein, aber: man verstand sich großartig.

Nun mit der Kunst hat das so wenig zu tun. Dialekt und folkloristischer Aufputz unter der Schutzmarke Heimatkunst sind zumeist peinlich enge, selbstgefällige Provinzialismen, aber anderes ist es, was aus dem „Mutterboden der Kultur“ (Geramb) als Saft aufsteigt in die hohe Kunst der Welt. Barlach, der ein Deutsch von reicher und subtiler Differenzierung schrieb, konnte sagen: Die Sprache meiner Plastik kommt aus dem Plattdeutschen. So brachte Ramuz den Ton und die Farbe des Waadtländischen in seine klare französische Prosa. Wie eine mythische Tiefenschicht liegt hermetisch das Piemontesische auf dem Grund des Werkes von Cesare Pavese, dessen Tagebuchvermächtnis uns jetzt so stark nährt und bewegt. Das alles ist dabei einmalige Gestaltung, unverwechselbare Individualität, Gesicht und Schicksal, etwas völlig anderes als das längst zum blockierenden Überbewusstsein banalisierte Unterbewusstsein. Die Summe all der spezifisch österreichischen „Grenznutzen“-Beiträge, die in unserer Zeit das Weltbild bereichert haben – eben wird das Kafkaeske vom Musilmanischen abgelöst -, ist noch längst nicht gezogen.

Was müsste nicht alles in diese Zwischenbilanz einmünden, die hier notwendigerweise sich auf gerafftere Posten zu beschränken hat! Man wird mich etwas ungeduldig endlich nach den realen Grundlagen und Möglichkeiten solchen bäuerlichen Künstlerlebens fragen. Vor 26 Jahren begannen wir auf dem Rutarhof zu wirtschaften, hart, ernst und voll jugendlicher Unbedingtheit, jedoch ohne alle pseudoromantischen Illusionen.

Glaubten wir damals, wir wären nach drei Jahren spätestens über den Berg, so war das dennoch eine Illusion. Anfangs haben wir den heimischen Bauern, die außerordentlich fleißig und genügsam sind und eine keineswegs simple Wirtschaftsweise haben, genau auf die Finger gesehen, später konnten wir dann viele Verbesserungen durchführen und die Erträge steigern, was wiederum nicht selten auf die Bauern unserer Umgebung zurückwirkte. Dennoch: das Bäuerliche und gar das Bergbäuerliche unserer Lage ist nun einmal nicht mehr in wirtschaftlich rentable Relation zu bringen zur kommerzialisierten, industrialisierten und vor allem bürokratisierten Sozietät. Bei äußerster Anstrengung, Verzichtbereitschaft und mit der Hilfe unserer so fleißigen wie selbstlosen Kinder konnten wir jedoch etliche Not- und Krisenjahre überstehen. Auch lernt man es bald und gründlich, die anonyme Diktatur des Geldes nicht mehr als oberste Instanz anzuerkennen.

Nach allem habe ich kaum zu betonen, dass „das Abstrakte“, wie man es heute als Norm und Verabredung bildender Kunst versteht, nicht mein Anliegen ist. Über etlicher doktrinärer Unduldsamkeit verkenne ich nicht den tieferen Ernst andersgerichteten Bemühens, doch nahezu naiv will mich die papistische Meinung anmuten, nur Exoten dürften heute noch gegenständlich malen. Ist es nicht ein Irrtum, die Zeit und den Raum unseres gottgegebenen Menschenschicksals mit anschauungsentrückten wissenschaftlichen Gleichungen zu verwechseln und die Gleichniskraft der Bilder wegzudiskutieren? Der Antagonismus des Lebens ist durchzustehen als Wirklichkeit, die kein Traum und keine Emanzipierung zu negieren vermag. Ich bin ein wenig abgeschweift und doch nicht. Es gibt hier und nirgends irgendwen, der sich noch darauf berufen könnte, von nichts zu wissen. Alles ist mit allem verbunden und in Beziehung zu setzen. Dem notwendig einsamen Künstler wird nichts geschenkt von der Mühe, eine geistige Situation zu schaffen und streng seine Form zu erarbeiten, aber es ist nicht gleichgültig, welche Kräfte ihn speisen und binden.

In dieser Nacht las ich die von Erhart Kästner übermittelten Worte des Pater Nikon, ich dachte an die erhabene Simone Weil, dachte auch, dass es nicht nur für Eremiten auf dem heiligen Berge Athos oder für Thoreaus Walden gilt:

„Alles Darüber-Reden, liebe Freunde, ist nichts, wirklich ganz und gar nichts. Man muss sich Fakten schaffen, Fakten, und seien es auch die allereinfachsten Fakten, die es überhaupt gibt. – In die Presse von Fakten geraten, das ist es – Kelter: das ist es. Kein Zurück mehr. Ein Leben in großer Einfachheit führen, damit, zum Beispiel, ist manches erreicht. Gelingt es, und wir können auf diese Weise, ich möchte sagen, auf Fels, auf Urgestein kommen: mir scheint es ein großes – ein großes! – Geschenk.“

Mesdames es Messieurs!

Die etwas ausschmückende Erinnerung vergegenwärtigt sich eine Zeichnung von Daumier so: Ein Maler sitzt am Meer und malt das Meer. Hinter dem ersten Maler sitzt ein zweiter, der das Meer malt, hinter ihm der dritte tut ein Gleiches, und der zwanzigste, der mitten in den Dünen sitzt, malt immer noch das Meer. Der x-te sitzt bereits inmitten grüner Marschwiesen, und um ihn herum grasen Kühe: er malt das Meer. Der letzte sitzt in einer Dorfstraße, mit dem Blick auf den Kirchturm: er malt das Meer.

Setzt man statt „Meer“ „Paris“, so ist die Situation der bildenden Kunst in der Welt zu einem beträchtlichen Teil gekennzeichnet. Selbstverständlich tut es not, zu wissen, wo und in welcher Weise die Meilensteine der Entwicklung gesetzt werden, und ebenso ist es geboten, den eigenen Standort und seine Bedingtheiten zu erkennen.

Gestatten Sie mir bitte einige Bemerkungen zu meiner persönlichen Lage. Seit über 26 Jahren ist meine Wahlheimat Unterkärnten, das südöstlichste Grenzgebiet Österreichs, dem das Slawische der Slowenen die merkwürdige und tiefere Klangfarbe gibt. Während meiner künstlerischen Entwicklung begleitete mich die ferne Erinnerung an die große Sonderbundausstellung in Köln 1912, die eine erste umfassende Dokumentation aller Kräfte bedeutete, die seither die europäische Moderne bestimmen.

Nach einem Universitätsstudium und dem Leerlauf der Akademien kam ich viel später und unter völlig gewandelten Voraussetzungen wieder in den Bannkreis des sogenannten Expressionismus, der nun einmal – bei allen Vorzügen und Gefahren – dem Deutschen in besonderer Weise entspricht. Emil Nolde wurde mir väterlich-freundschaftlicher Lehrer und Förderer, Edvard Munch Leitgestirn. Bald aber wurde mir die Erkenntnis richtungweisend, dass ein lediglich exaltiertes Gefühl zur Zerstörung führt, dass jegliches Bilden unter dem Gesetz von Maß und Form steht. Unter solchen Aspekten sind alle Maler von einiger Intelligenz Schüler der École de Paris. Ein eigenes und nicht geringes Kapitel würde es ausmachen, zu untersuchen, was aus einer hermetisch-mythischen Tiefenschicht, die man zu schnell und zu billig als „Folklore“ etikettiert, gerade in die Moderne eingeflossen ist, in der Musik, in der Dichtung wie in der bildenden Kunst. Der Beispiele gibt es unzählige für diese Würz- und Wurzelkraft der Landschaft.

In meiner Malerei war ich stets bestrebt, ein strenger bauendes Bildgefüge mit der Schwingung des Lebendigen und Besonderen zu vereinen. Hier und heute erübrigt es sich zu betonen, dass Malerei nicht eben nur durch ein Pinsel-Brio und -Furioso oder durch das Kilogewicht der Malpaste sich manifestiert. Ein ununterbrochenes Zeichnen liegt auf dem Wege meiner vielfältigen Arbeit. Im räumlich beschränkten Centre Culturel Autrichien werden diesmal in erster Linie Holzschnitte gezeigt, die den Gegebenheiten meiner bäuerlichen Lebenslage und meines Wesens in Technik und Ausdrucksweise entgegenkommen. Der schwarze und der weiße Fleck gelten mir nicht als Negierung, sondern geradezu als Potenzierung der Farbe, und im knappsten Spannungsverhältnis vermag sich die Form zu präzisieren und zu verdichten. Das Graphische untersteht eigener Disziplin. Entstammen die Themen zumeist dem Umkreis meines ländlichen Lebens, so ist dennoch das Gestalthafte Ziel und keineswegs die geschwätzige Anekdote. Die Figuralität eines Seurat ist mir näher als das Sentiment etwa eines Millet. Ich liebe es nicht, wenn das Hintergründige zum Vordergrund wird. „Qu‘est-ce qu‘il    y a de plus mystérieux que la clarté“, dieses Wort von Paul Valéry war mir zeit meines bewussten Lebens Devise. Es liegt selbst auf dem Grunde des unvergleichlichen und mich zutiefst bewegenden Werkes von Simone Weil.

Verzeihen Sie bitte, wenn ich Ihre Güte und Ihre Aufmerksamkeit durch diesen kleinen Sermon in Anspruch nehme. Ein Tropf ist, wer die Lehren Ihrer großen Meister überhört, ein Tropf aber auch, wer die Differenzen und die Distanzen übersieht. – Vor dem ersten Weltkrieg war Renoir als Gast der Familie Thyssen in Bayern. Es gefiel ihm dort nicht übel, - es gibt ja auch ein Deutschland, das nicht in Stiefeln trampelt. Endlich zeigte man ihm in München „Neue Kunst“, stolz in dem Bewusstsein, womöglich besser Französisch zu können als die Franzosen. Eine Briefstelle: „En mai 1913 j’etais à Munich pour entendre une dernière fois Wagner, et parmi les Sécessionistes j’ai vu une centaine d‘ élèves de Cézanne - : et les amateurs munichois se figuraient que c‘ était là l‘ art français de demain.“

Später musste sich Renoir einem Interview stellen. Seitens der deutschen vermeintlichen Avantgarde war man recht enttäuscht, dass Renoir sich von solcher „Art francais de demain“ nicht sonderlich erbait zeigte. „Aber maître, was hat Ihnen denn dort am besten gefallen?“ „Oh“, lächelte Renoir und dachte an seinen kurzen nichtoffiziellen Besuch in der Schackgalerie, „les petits Schwinds, parce que c‘ est ce qu‘ on nous n’avons pas à Paris.“

Aus den Briefen - 30er Jahre

… Nach mannigfaltigem Schicksal habe ich mich, jung noch, mit Frau und Freund im slowenischen Unterkärnten angesiedelt. Wir bewirtschaften einen einsamen Bauernhof auf der Höhe, in einer Natur voll Pracht. …

… Einige Zeit müssen Sie sich für uns frei machen, sich den Rutarhof und das Drumherum anschauen. Wir kommen im Jahr nur mit wenigen Menschen zusammen, auf dem Lande kann man sich nur ohne Rückhalt geben. Ob Sie unsere einfachen Verhältnisse nicht enttäuschen werden, weiß ich nicht, doch hoffe ich, dass es nicht sein wird. Das Land hier ist wirklich selten schön, und der Hof auf abgelegener Bergecke ist uns allen noch wie ein Geschenk, das wir erst verdienen müssen.

Heftiger Kampf freilich bleibt uns auch nicht erspart; aber wir sind glücklich, ohne all die öden Bindungen leben und mit Entschiedenheit kämpfen zu können. Halten Sie uns aber nicht für eng: wir verstehen alles andere Leben, wenn es nur echt ist. Auch Berlin hat viel Schönes und Starkes. Nur eine gewisse morbide Geistigkeit ist manchmal dort in der Kunst, die ich wohl zu schmecken, aber nicht hinunterzuschlucken vermag …

… Tausend Dinge wollen uns immer zerreißen, und wer sich nicht mit einiger Rücksichtslosigkeit an seine Arbeit macht, wird vielleicht so ein „netter Mensch“, aber zum wirklichen Schaffen wird er nie kommen.

… In diesem Jahre habe ich mich mit aller Kraft an das Malen gehalten. Familie, Landwirtschaft, darin Maler sein, ganz von innen Maler, das ist nicht immer einfach. Wie komisch möchte es Ihnen vorkommen, wenn ich Ihnen von so manchen Sorgen des Bauern erzählen würde, und doch gehört oft das Äußerste dazu, sich nicht von ihnen zerfressen zu lassen. Das Schöne nur ist: die Kraft unserer Einsamkeit und die Herrlichkeit des Landes bringen uns immer wieder darüber hinweg …

… So wenige nur können begreifen, dass ich leben und alle Spannungen des Lebens in mir spüren möchte und dann erst das Malen sich bilden soll …

… Inzwischen liegen Monate voll harter Arbeit hinter uns. Das Land stellt große Anforderungen an uns, jetzt stecken wir mitten in der Ernte. Aber auch mein Atelier steht fertig nun auf der Höhe, ich sag es mit Dankbarkeit und auch mit etwas Stolz. Freilich fühle ich schwere Verantwortung auf mir für meine Arbeit, und ich werde nicht ablassen, feste Gestalt zu finden. Es mag selbstverständlich klingen und doch: es ist selten heute, aus eigener Anschauung und Leben zu gestalten statt ein artistisches Programm. Gottlob ist unser Leben hier bei allem Übermaß von Arbeit nicht eng, doppelt hat zwar, aber tausendfach reich …

… Der Maler hat heute trotz allen gegenteiligen Versicherns und Bemühens keinen Stand mehr in der Gesellschaft. Sein Mühen treib ihn allein, und den gesicherten Resultaten anderer Zeiten stellt er nichts entgegen als die Unbedingtheit seines Einsatzes …

… In den nächsten Wochen will ich viel arbeiten, hoffentlich lässt das Schicksal einmal etwas mehr Ruhe zum Atmen. Immer wieder möchte ich die Grenzen aufreißen, die Ergebnisse vortäuschen und die innere Spannung vernichten …

… Sie schreiben von Sterrer, er wird ein seltsames Gesicht gemacht haben. Dass ich nicht das mindeste mit ihm zu tun habe, ist wahrer als die Tatsache, dass ich 2 Jahre lang sein Schüler war, obschon diese Zeit, besonders die letzte, oft für mich qualvoll und demütigend war …

Vor ein paar Tagen hatten wird schon – viel zu früh – starken Schneefall, der unsere lieben letzten Herbstblumen niedergehauen hat, gestern Nacht starken Frost. Aber es scheint schon wieder die Kärntner Sonne und brennt die Weide frei. Die Herrlichkeit des Landes könnte einem den Brustkassen zersprengen …

… Ich frage mich immer, wie nur ein so übler Betrieb überall um die Kunst sein kann, wo doch ein jeder, mag er arbeiten, wie er will, ganz dem gleichen Ziel hingegeben sein sollte. Immer wenn ich mit diesen Dingen in Berührung komme, widert es mich an, sie wollen die Reinheit und Kraft der inneren Sammlung, auf die allein es ankommt, zerstören.

Diese Jahreszeit lähmt und drückt mich mehr, als ich wahrhaben möchte, das Wetter tut sein übriges dazu. Wir haben immer noch mehr Arbeit als Hände und hatten mancherlei  Pech und Sorgen. Aber froh bin ich doch immer über Hof und Arbeit und Sorge. Ich wollte mich ja nur dem Leben ausliefern, das Malen daraus zu gewinnen. Es ist nicht leicht, aber ohne Gnade zerbricht jeder. 

… Seit einer Woche und noch zwei, drei darüber hinaus bin ich mit den Leuten alle Tage auf dem Klee oder den Wiesen, deren wir auf unserem Berg ja riesig viele mit der Sense zu mähen haben. Die Mahd ist allemal die hohe, aber auch schönste Zeit der Arbeit für uns, und die mache ich  immer gern und ganz mit, wenn ich auch sonst zu jeder Stunde weiß, dass ich auch andere Scheuern zu füllen haben. Nicht selten fluche ich auf die Wirtschaft mit ihren Tausend Sorgen, aber die Arbeit selbst, wenn ich mich ihr nur ganz hingeben könnte, ist immer herrlich. Aber: ich habe anderes zu tun, einmal ganz ausschließlich und unerbittlich. Im Juni soll dann immer noch gemäht werden, das macht die Knochen stark und den Sinn frei. Nicht leicht können Sie Herrlicheres sich vorstellen, als in der Früh auf den tauigen Berghängen zu stehen, in die Täler zu sehen oder über den Nebel weg auf die Berge und Felsen, wenn nach der Dämmerung die Sonne sie aufglühen lässt. Und wenn die Felsen dann später weiß schimmern, taghell stehen, und die Schwaden liegen schon Reih auf und ab, dann überkommt mich ein starkes und stolzes Fühlen in Liebe zu diesem Leben und Unabhängigkeit von den Menschen, wie ich es zu allen Zeiten leider nicht kenne.

… Ich weiß, wie peinlich Phrasen im Munde des Künstlers sind und Sentimentalitäten. Er soll arbeiten. Aber mir graust vor dem tausendfältig nur zu gut Gemachten. Der Grund des Lebens, auf dem eine Werk der Kunst sich erheben soll, kann nicht breit genug gelegt, dieses Leben nicht weit und voll genug sein. Der Wege sind sicher viele, und nicht einen Augenblick bilde ich mir ein, den einzig richtigen zu gehen. Aber ungezählt sind die Irrwege, auf denen die Menschen mit Fertigkeit und Eile Scheinziele erjagen. Besser ist es, wenn es sein muss, zu zerbrechen, und auch dazu bin ich bereit. Sie haben jetzt einige Bilder um sich. Ich wollte, Sie möchten darin einen Hauch nur des Lebens erkennen, eine Schwingung, von der sie selber leben. Einmal muss daraus, wenn das Bilden Sinn haben soll, klare feste Form werden. Dazu brauche ich ein langes Leben und mehr Gunst des Schicksals, dass ich ohne Druck und Enge einmal arbeiten, nur arbeiten könnte. …

…Mir ging es immer darum, das Leben vor die Gestalt zu setzen, diese aus seinem Reichtum zu gewinnen. Andere Maler, die ich dennoch hoch schätze, gehen den bestimmten Weg logischer Entwicklung eines Formsystems. Mir jedoch ist ein trotz vieler böser Schicksalsschläge unzermürbtes starkes Fühlen dieses Lebens und der Drang, es zu gestalten, die einzige Gewähr für die Gültigkeit meiner Arbeit und die Möglichkeit ihrer Entfaltung. …

… Gestern habe ich auf Tod und Leben gemalt, zwar nichts Erschütterndes, aber – wenn heute noch die Materie mittut – doch kein leeres Bild. Ich male meistens das Gegenteil von dem, was ich mir vornehme. Aber gemalt wird! Ein seltener Fall übrigens: Nachdem ich bis 1 Uhr geschrieben habe, habe ich mich noch hingesetzt und bei der Petroleumfunzel – gemalt! Bis um 3 Uhr in der Früh. Ich war gestern etwas hin, aber ich war doch so froh über die Tatsache und habe den ganzen Tag weitergepinselt …

… Eben war ich noch einmal draußen, es hat zu gießen aufgehört, die Nacht ist trotz der Wolken hell (heute ist Vollmond), und die Berge sind auch wieder da. Ich war beim Misthaufen ein kleines Stück hinaus. Wie die Tannen hoch und schwarz aufragen und abstürzen, das Dorf unten beisammen liegt, Drau und Vellach rauschen, die Berge sich ineinander, übereinander schieben und die lichten und schweren Wolkenfetzen gehen, das alles ist so wirklich wie geträumt. Und beides ist das Leben hier, und ich war geboren, wo die Schwebebahn zwischen Anilindämpfen über die Wupper schwankt.

… Ich war auch ein paar Takte am Klavier, das war sehr schön. Die große Sehnsucht ist des Klanges gespannteste Kraft, und Wirrnis und Zerbrechen können in der Ewigkeit zur Melodie werden. Nicht jede Harmonie ist rund und in der Zeit beschlossen.

… Jetzt zur Mitternacht würde Dich der Blick vom Balkon vorne tief rühren. Das Haus so schwer im Schlaf, wischen unseren hohen Bäumen und dem Obir eine lange weiße Wolkenbank, und der Mond ganz hoch scheint milde durch. …

… Die Malerei? Das ist eine schmerzhafte Frage, wird mich die Zeit wieder in das Abgrund-Nichts stoßen, oder wird es mir, mein einziges Ziel, noch einmal vergönnt sein, ganz „inmitten“ zu leben, zu arbeiten?

…Ich will nicht ablassen und habe die Hoffnung auf etwas Ergebnis nicht begraben. Seit ein paar Tagen erst halte ich, nachdem ich vieles gewaltsam beiseitegeschoben habe, wieder die Pinsel. Ich spüre, auch ich könnte, - aber die Zeit höhnt mich laut. …

Aus den Briefen - 40er Jahre

… In der Disziplin der bildenden Künste – das Wort Disziplin hat hier merkwürdigen Doppelsinn – gehe es, meine ich, nicht so sehr um die grandiose, noch so bestechende Liberalität der „rein –malerischen“ usw. Kunstübung, als um die Wiedergewinnung der menschlichen Bildsubstanz, um die Wiedergewinnung des Bildes als eine Gleichnis der Welt aus der Anschauung. Dahin geht die Reise, wobei ich Ihre Warnung vor den Strudeln keineswegs in den Wind schlage. Auch weiß ich, mit wieviel Recht Sie die Selbstherrlichkeit der Kunst gegenüber allem Nur- und Zu-direkt-Gewollten, ihre absichtslose Unmittelbarkeit, betonen. Dennoch muss ich zuletzt mein Eingespanntsein, die „Dringlichkeit des Lebensanliegens“ als ein Positives in dieser Zeit empfinden und erkennen. So will mir manches „Weniger“ als ein „Mehr“ erscheinen abseits von allem purifizierenden Moralismus. Wie seltsam mag da meine Arbeit gegen die an sich so meisterhafte, zufällig gleichzeitig ausgestellte Bildnerei etwa Steinharts stehen mit ihrem späten, glanzvollen Belcanto. Ich aber glaube an einen anderen Auftrag und eine andere Existenz in dieser Zeit. …

Aus den Briefen - 1950 bis 1957

… Ich bedenke vieles und prüfe die eigene Situation dann allemal streng bis an die Grenze meines Bewusstseins. Machen, Konvention, Betrieb und soviel nachgerade zum Landläufigen umgestülptes Hintergründige wollen sich mir nicht recht mit der schicksalhaften, inneren Figürlichkeit eines Künstlers, der sich erst in einem ganzen Leben erweisen kann, in Einklang bringen lassen. Das Andersgeartete meiner Aufgabe und Lage erscheint mir nach oft schmerzlicher Selbstkritik zuletzt dennoch bedeutsam und notwendig, und das nicht nur als ein Fall privater Rückständigkeit. Könnte ich nur endlich in den Mannesjahren, in denen man doch den Boden unter den Füßen schon etwas fester getreten haben sollte, mit ungehemmter Kraft ansetzen und arbeiten, arbeiten! Aufgeben tu‘ ich aber nicht, und das härteste Leben bleibt noch eine große Sache, die man nicht für ein Sechserl veräußern soll. So habe ich Hoffnung und eine Spur echter Gelassenheit, ob ich auch vor Ausweglosigkeit oft tobe oder, schlimmer, müde werden will. Jetzt ist es herrlich hier, stiller und verlassener denn je. Diese Zeit ist mir immer als die schönste und verheißungsvollste des ganzen Jahres erschienen, tiefer geheimnisvoll als seine Erfüllung. Gestern haben wir im Frost Barbarazweige von den Kirschbäumen geschnitten, und unterm Schnee blühen schon jetzt die ersten Schneerosen. Wie sollte da ein wirklich tödlicher Tod auch nur ausdenkbar sein! …

… Nun haben wir längst Schnee, - Schnee wie seit Jahren nicht. Eine Woche waren wir ohne jede Postverbindung; wollten Sie einen unausgepflügten Steig gehen, so blieben Sie gleich bis zum Bauchnabel stecken. Aber herrlich ist das, für uns der schönstdenkbare Lebenszustand, besonders dann, wenn ich die Pinsel halten und das Werk wieder unter den Händen darf wachsen fühlen. Im gleichen Augenblick pfeif ich auf alle Doktrinen und zeitzugespitzten Reflexionen, sondern atme voller und tiefer, weil die Segel sich wieder mit Wind füllen und das Boot gleitet. Daß es nicht kippt, darauf bin ich mit steter Anspannung bedacht.

Schluß, Pause, Malen und nun ist es schon Montag früh. Sehr früh, der runde Mond leuchtet durchs Fenster, wegen des schlechten Schulweges heißt es jetzt meist schon um vier Uhr aufstehen. In den Tagen, da der Brief liegen blieb, habe ich mit Eifer gemalt und ein Bild zuwege bringen dürfen, das mir besonders am Herzen liegt. Dann preist man das Leben und möchte flehen, daß es nicht einstürzt. Ich muß nur immer weniger auf das Getriebe und Geschiebe draußen schaun, um den Innenraum vor Versehrung und Verstörung zu bewahren. Aber wenn die Hände mir taugen, will ich mich nicht über die unfähigen Ellbogen beklagen. …

… An Arbeit, die freilich nicht so hetzt und drängt wie die sommerliche, fehlt es jetzt nicht, Schlägern, Fuhren, Kieben, Schlachten, und auch nicht an Kurzweil wie Fußverknacksen, Grippe und (oh diese verdammten!) Motorreparaturen. Und dann – und dann – dieser schwere, immer schwerere Aufschwung, damit das Leben nicht in die oft schon fast beschworene Vergeblichkeit, ins Nichts ausrinnt. Wünschte mir oft nicht als ein Leben voll Tagewerk und Schuften und ohne jede geistige Vermessenheit, aber dann kann ich`s doch nicht sein lassen, zu glauben und Meine zu tun. So male ich noch und wieder. (Unfreiwillige Pause, drei Gendarmen kamen Most saufen.) …

… Diesen Monat, der sich mit Frost, Hochsommerhitze und einem unwirschen Ende etwas seltsam aufführte, möchte ich doch nicht dahingehen lassen, ohne ihm für das große seltene Geschenk zu danken, das er mir brachte; die Begegnung mit Ihnen. Wieviel Kraft und Vertrauen davon für mich ausging, können Sie kaum ermessen.

… Seit der Heimkehr bin ich als Knecht eingespannt, nach der Mäherei werde ich wohl wieder zu den Pinseln greifen können. Beim Sensenschwingen bleibt mir Zeit, vieles zu bedenken, köpfe etwa im Geiste Ihre saublöden Rezensenten oder hole mit freudigerem Schwung aus, sooft ich mich Ihrer nun doppelt lebendigen Zeitgenossenschaft erinnere …

… Aber das kann sich nicht leicht wer vorstellen, wie uns eben jetzt die Arbeit in Atem hält, und ein selten elendes Wetter erschwert und verzögert alles. Da ist man eingespannt und getrieben wie der Ochs im Göpel, pausenlos, - und doch überkommt mich zwischendurch in Schweiß und Dreck gar nicht selten das Gefühl eines wirklichen, vollen Lebens, dessen Sinn weder nach DM – noch Intelligenz-Einheiten zu erfassen ist. …

… Ausstellerei gab es auch inzwischen wieder, damit hat es auch allemal eine eigene Bewandtnis bei mir, außer dem damit verbundenen Umstandskram entsteht fast immer eine Leere innen, als habe einem wer die Seele aus dem Leib gezogen. …

Ihre Drucksachensendung mit dem Kunstwerkheft über Bühnenbildnerei habe ich wohl schon bestätigt, nicht aber sträflicherweise die neue hochinteressante, für alles vielen, vielen Dank. Die Dinge erregen und beschäftigen mich sehr, sie sollen mir auch gehörig zusetzen, damit ich vom „Hinterwäldler“ nicht zum Hinterwäldler werde; nach aller Mühe des Einsehens und Begreifens glaube ich aber doch oft, daß sich die Kunstgescheiten vom Tage gegenseitig ein Loch in den Bauch reden. Viel Diktatur ist dabei, der gegenüber ich nicht in den Fehler selbstherrlicher Überlegenheit verfallen darf, aber wenn mir die Kraft bleibt, mit Intensität meine Lebensfrist durchzustehen, habe ich nicht eben Angst um eine Sache. In den guten Augenblicken weiß ich, daß es mir aufgegeben ist, eine bestimmte Figur zu erfüllen. …

.. Dieses Unterkärnten, in dem wir hausen, ist ein Kleinbauernland, nicht sonderlich fruchtbar, aber emsig bearbeitet, sehr schön und, anders als etwa Tirol, von vielfältig reizvoller Gliederung. Es ist auch ganz anders, eigenartiger als die propagierte Vorstellung von Belle Autriche. Unser alter Hof, der auf der Südwestecke eines abgeschliffenen Bergplateaus mit herrlichem Fernblick liegt, ist keineswegs ein Gut und erlaubt uns keine großen Sprünge. Die Wirtschaft ist vielseitig mit Pferd, Rindvieh, Schweinen und jeglicher Art Ackerbau, Obst und Gemüse fehlen nicht.

An den Maßstäben der Wirtschaftsrechner gemessen mag alles recht lächerlich sein, aber wir haben andere. Romantische Vorstellungen verführten mich keineswegs, als ich mich einst auf diesen Berg setzte, ich wollte nur unabhängig leben und arbeiten können. Ich bin Maler, durchaus, und wenn ich wegen der allzu vielen Verhinderungen auch oft fluche, preise ich zuletzt immer wieder dieses unser Leben, dessen starke Seel eine Frau ist, die von all dem Sorgendruck der Jahre niemals verbogen und angesäuert wurde …

… Wo wir auch stehen und wie wir uns auch geborgen fühlen, ich glaube immer mehr, daß wir alle Gegensätze lebenslang in uns auszutragen haben und keinerlei Versicherung abschließen können und dürfen. Auch und gerade das Christliche darf sich nicht mit den billigen Schablonen zufriedengeben, in die es nur zu leicht abgleitet. Von daher auch die Bedeutung des Anfechtenden, des Rebellen, des Immer-neu-in-Frage-Stellens und Suchens gegenüber dem Salbader, der zurückstößt und peinlich nach Selbstgerechtigkeit = Selbstüberheblichkeit schmeckt. …

… Das Zeltbuch (von Erhart Kästner, Anm. d. Her.) ist ohne Großartigkeit großartig, es macht mich glücklich, nur von dieser ungemein sauberen, seltenen Möglichkeit zu wissen, die auch im Deutschen verwirklicht werden kann. Ich bin alt genug geworden, um zu wissen, daß man nicht nur nicht aus seiner Haut heraus kann, sondern nicht einmal sich zu entschlüpfen wünschen darf. Aber lernen, zulernen kann man immerfort; von diesem Künstler, der es, gelassen und gehalten, versteht, einen Wüstenfleck in menschliche Oase zu verwandeln, den Fluch leerer Zeit in den Segen erfüllten Schicksals, lerne ich gern und viel …

Sein Schicksal kann man weder suchen noch finden, man kann es nur annehmen – erfüllen oder vertun. Ein unaufhörliches Bemühen ist das höchste erreichbare „Glück“, mancher ist ob seiner heiteren Gelassenheit zu beneiden, aber ohne die Unruhe läuft kein Werkl. Selbstzufriedenheit ist tödlich.

… Glaser ist da mit seinem kleinen Sohn, ein ungemein anregender (und anstrengender) Besuch. Ein Mann, ein unzerbrochener, als Figur schon ein Manifest. Wirklich fürchten sollte man sich nur vor dem Herabziehenden, dem Niedrigen, dem Bourgeois.

Ich notiere mir einen Satz aus seinem neuen Drama: „Aber der Mensch auf der Insel hört auf, sein Schicksal nur zu erleiden, sobald er ein Bewußtsein daraus gestaltet. Er lebt sein Leben, wie ein Werk, an dem er schafft – “

C´est pour moi.

… Meine Frau hat mir viel Gutes und Schönes von Ihnen erzählt, und natürlich mußte es mich in der Seele freuen, daß und wie Sie an meiner künstlerischen Arbeit Anteil genommen haben. Ihnen hat es, was ich sehr wohl verstehe, der in-wendig slowenische Charakter der Bilder angetan. Hierbei muß ich sagen, daß ich nie allerdings in irgendeiner anderen Absicht gearbeitet habe als in der einer echten künstlerischen Gestaltung. Dennoch haben Sie recht, nur glaube ich, daß die gültigen Zeugnisse fast immer ohne unterstrichene Tendenz entstehen. Jenseits davon bin ich freilich selbst geradezu von der Tatsache betroffen, auf welche geheimnisvolle und starke Weise die Seele des merkwürdigen Grenzvolkes hier zum Ausdruck kommt in meiner Arbeit, und das vielleicht in einem äußersten, letzten geschichtlichen Augenblick. Ich habe da lediglich einen Auftrag mit Redlichkeit zu vollziehen und denke an keinerlei Schönfärberei – so oder so. Das wird oft häßlich mißverstanden, man erwartet zu oft vom Künstler das Platte und Landläufige, gleich ob in einem modernistischen oder verzopften Sinne …

… Ich bin in diesen Wochen ganz versackt und verkommen in lauter Arbeit, und das ist nun einmal für mich das einzig erstrebenswerte Arrivieren auf Erden …

1956

An Hofrat Gazzarolli

… In meinem Leben war ich immer etwas eifersüchtig auf jene Unabhängigkeit bedacht, ohne die eine geistige Existenz fragwürdig ist …

… In der Unruhe vor dem Bevorstehenden habe ich mir diese Nacht noch aus Kierkegaard heraus- und inwendig hineingeschrieben: nil ad ostentationem, omnia ad conscientiam: Es gibt keine Kunst jenseits menschlicher Verpflichtung, und alles, was uns aufgegeben oder auferlegt ist, begegnet uns in der trotz sublimster Erkenntnisse nie wegzudiskutierenden Wirklichkeit von Zeit und Raum.

Dafür sei die Kunst Zeugnis, die Begegnung mit der Wirklichkeit muß freilich neu, stark, unabgegriffen sein, und darum leben wir hier und preisen uns die harte Mühe der Tage, auch und gerade, wenn sie oft fast erdrück. Die zeitnotwendig herberen Zeichen und zurückhaltenderen Mittel meiner Malerei sind aber dennoch nicht in Gegensatz zu stellen zum „Malerischen“, es sei denn zu einem veralteten Begriff davon; Belcanto, Verve und Deklamation sind ja auch auf anderen Gebieten nicht eben mehr aktuell. Dieser unser Rutarhof aber ist ein Ort in der Welt, von dem aus diese als eine ebenso weite und ebenso gegenwärtige zu begreifen ist wie von anderen Positionen her. …

… Erzählen muß ich noch kurz, daß in diesem Sommer wie ein Zaubergeist der nächstens 80jährige Alfred Kubin auf dem Rutarhof auftauchte. Er hatte einen besonders guten Tag, war überaus charmant und lebendig und war in meine Arbeit, die er eingehend und mit größter Aufmerksamkeit anschaute, reineweg vernarrt. Gerade damals schickte mir auch Kokoschka die große Neuausgabe seiner Schriften, „in großer Hochschätzung des Malers und Menschen W.B.“, - ich erwähne diese guten Ereignisse nur, damit Sie sehen, daß ich noch nicht aufzugeben bin …

… Die Menscchen sind ja nur allzu bereit, auf jegliche Art Fassade und Vordergrund zu fliegen. Es ist nur gut, daß das Geheimnis echter künstlerischer Verwandlung Geheimnis bleibt, trotz und gerade wegen redlich zu erstrebender Klarheit …

… Es gibt nichts Rareres und Liebenswerteres unter den deutschen Künstlern als August Macke. Sonst ja „werden sie über allem schwer, wird alles über ihnen schwer“, - ach Gott, wie kenn‘ ich das -.

… Der Schnee geht nieder, daß man nicht durchschauen kann. Frischer Schnee ist so schön. „Meine Produktion sei wie frischgefallener Schnee“, sagte Kierkegaard. …

Aus den Briefen - 1958 bis 1969

… Ich stehe, schreibuntauglicher denn je, vorm Malen, am gestrigen Dreikönigstag war ich in Eberndorf skizzieren. Mit Dreikönig geht es recht eigentlich erst ins neue Jahr hinein, wir lieben den Feiertag vor allen anderen. Am Abend wird über die Türen + C + M + B + gemalt mit der neuen Jahreszahl, die Frau trägt das Licht, der Pacher das Feuer, Veit das Räucherzeug, und eine Stimme sagt mild und mahnend: „Der Hausvater“. Dann ist alles zugleich da: Verfehlung und Vergeblichkeit, Hoffnung und Aufschwung, das tiefe Wissen, das die insecuritas humana der einzige sichere Tragpfeiler der Existenz der des Künstlers zumal, ist, und doch und immer wieder das Gefühl, ganz neu vor einem Anfang zu stehen. Heute ganz besonders …

… Ich stecke tief in der Arbeit (und im Schnee): jetzt oder nie! … Also: ich bin mit vollen Segeln auf großer Fahrt, Abenteuer aller Abenteuer.

… Zur Zeit bin ich einmal wieder beim Holzschneiden, die Arbeit fordert mir allemal die letzte Kraft ab, und nach diesem unvergleichlichen Malwinter geht es nun etwas härter und schwerer weiter, zumal es nun viel Unruhe und Sorge gibt. Mehr denn je aber greife ich Sinn und Fruchtbarkeit unserer Lebenssituation und vor allem den Zwang zur Einfachheit und innerer Besinnung. …

… Von Ihnen nach Jahrzehnten intensivster und einsamer Arbeit vorgestellt zu werden, kann mir in der Tat nicht gleichgültig sein, geht es doch darum, aufzuzeigen, daß auch eine solche Arbeit als lebendige Gestaltung im Kraftfeld der Zeit steht und nicht mit epigonalen Verplatschern zu verwechseln ist. Vielleicht darf ich in diesem Zusammenhang zwei Bemerkungen machen, die mir zur Charakterisierung des Standortes dienlich erscheinen.

Einmal muß auch die „ gegenständliche Malerei“ – man hat sich wohl auf die nicht sonderlich glückliche Bezeichnung zu einigen  - aus der gesamten Problematik zeitgenössischen Gestaltens hervorgehen, und das Bewußtsein ihres Urhebers darf keinerlei Spannungen und Entscheidungen ausweichen. Adorno: „Jedesmal ist der Konflikt auszutragen und man braucht viel Kraft oder viel Dummheit, um darüber nicht den Mut zur verlieren.“ Von besonderer Bedeutung aber erscheint mir der spezifische Wirklichkeitsbezug eines solchen Malers. Es ist mir nicht ganz leicht, dies unmißverständlich zu formulieren: Zum Vergleich kann ich mich nur etwa auf die Position Kierkegaards, auf die des Erkennenden innerhalb der Existenzphilosophie hinweisen, eben auf sein inwendiges Einbeschlossensein darin als Existierender, der sein „Entweder – Oder“ nicht nur gemeint und geschrieben, sondern auch durchgestanden hat. Ähnlich, denke ich, muß es bei einer Existenzmalerei bestellt sein, wenn sie die notwendige Kraft haben soll, den „Abgrund der Wesenlosigkeit“ zu überwinden. Ein obligates Rezept gibt es freilich auch da nicht, wie nirgends in der Kunst …

… Ich hatte eine lange, fruchtbare Arbeitszeit, wohl die ergiebigste meines Lebens, dann kam die Pause, in die hinein mancherlei fiel, und nun soll das Leben neu angehen, wenn erst meine Frau, die Seele von allem, wieder auf dem Hof ist. Zu seinem 82. Geburtstag vor zwei Monaten habe ich den alten verdämmernden Kubin besucht, der seit Monaten mit einem weißen Vollbart zu Bett liegt, selbst nun wie verzaubert, der alte Zauberer.

Über Pfingsten hatten wir Dr. Roethel und Frau aus München hier, einen Museumsmann von seltener Spannkraft und Elastizität, der schon seit langem eine Ausstellung meiner Arbeiten plant. Sonst möchte ich nichts unternehmen. Und obwohl ich mir das Schreiben abgeschworen hatte, habe ich in der Zwischenzeit doch einen längeren Aufsatz für das „Kunstwerk“ über „Gegenständliche Malerei – heute“ geschrieben, zu dem mich Dr. Zahn aufgefordert hatte. Es lag mir am Herzen, und gerade auf diesem Forum wollte ich nicht kneifen.

… Jetzt sind wir fest bei der Heuernte, es tut so gut, die Muskeln zu spannen, zu schinden und zu schwitzen. Der Rutarhof ist immer noch der beste Ort zu leben und zu arbeiten …

… Eben habe ich eine Rolle mit drei Holzschnitten für Sie auf die Post gegeben … Hoffentlich habe ich die Blätter nicht ganz unpassend für Sie ausgewählt. Der „Kl. Garten im Schnee“ ist schon vor langem entstanden und mir noch immer nah. Zu einer Zeit, als das bei uns noch keineswegs Mode war, ging da das Graphisch-Gestalthafte bis an jene Grenze von Abstraktion, in der das für mich unabdingbare Naturerlebnis noch voll mitschwingt. Wegen der „Sänger“ hatte ich erst Bedenken, weil das Blatt nicht so zugänglich sein mag, aber dann mußte ich mir sagen, wieviel Ihnen doch vertraut ist von Kindheit an. In den slawisch geprägten Köpfen ist jenes Sich-hineinlegen in den Gesang, das die Gesichter gleichsam zu tönenden Masken verwandelt. – „Nackthals und Maskerer“ wurde einmal mit dem Graphikpreis ausgezeichnet. Die Ungarischen Nackthälse sind eine eigene Hühnerrasse, nicht eben schön, aber ihr flammend roter Hals wirkt wie ein gellendes Signal, das höchst sonderbar im ersten scharfen Frühlingslicht mit dem Aufzug der bunten und vermummten Kinder zusammenklingt. Dies nur zu Erläuterung.

Zugleich handelt es sich um verschiedene Abarten meines sehr bewußt beschränkten, reinen Schwarz-Weiß. Ich mache stets nur sehr wenige Abzüge mit der Hand (Falzbein) … Zu spät ist mir eingefallen, daß Sie die deutsche Schrift der Widmung nicht lesen können, drum nehme ich mein altes Klappermaschinchen zur Hand. Das ist auch darum gut, weil ich wochenlang, tagaus, tagein gemäht und geheut habe und die Hand (keineswegs zum Malen) ungelenk geworden ist. Es war hier eine recht unruhige Zeit, zuletzt mit viel aufregendem Unwetter, und eben erst ist meine Frau, die Seele von allem, nach einer heiklen Operation wieder heimgekehrt.

Bald geht es wieder an die Staffelei. Jetzt war für mich die erste unfreiwillige Pause nach der intensivsten Malzeit meines Lebens, eineinhalb Jahre hindurch ohne Senke oder Unterbrechung. Wie gern würde ich Ihnen das alles einmal zeigen dürfen, denn erst im größeren Zusammenhang erkennt man das Weltbild der Bilder, während beim Routinier oft gerade das Vereinzelte zu verblüffen vermag …

… Ich habe keine andere Sehnsucht und keinen anderen Ehrgeiz, als wieder hier und bei mir zu sein wie eh und je. Drum will ich jetzt auch auf weiteres Ausstellen, wozu ich eingeladen wurde, verzichten und freue mich einzig auf die Arbeit. …

… Ich schreibe in der schlechtesten Schreibverfassung, nicht so sehr einer Schulterverletzung wegen, als weil ich – gottlob! – wieder tief in der Malerei stecke. Ich kann nur immer wieder den jungen Beckmann zitieren: „Im wirklichen Leben frißt mich die Malerei. Ich armes Schwein kann nur im Traum leben.“

… Nun also habe ich hier meine Fastenkur angetreten, von der ich Ihnen gewiß schon erzählt habe, die ist für mich von ungemein segensreicher Wirkung, und danach wünsche ich mir, so es de Himmel will, eine Arbeitsjahr voller Sammlung und Stetigkeit. Ich habe alle Ausstellungen abgesagt. Auf der Herreise habe ich mit unserem Veit als Umweg eine kleine Kunstfahrt über Innsbruck und die Schweizer Städte gemacht, in denen sich unerhörte Kunstschätze angesammelt haben. Es gab auch sehr eindrucksvolle menschliche Begegnungen und Wiederbegegnungen. Es ist sehr wichtig für mich in meiner Lebenssituation, nach Perioden der Abgeschlossenheit die Zeit und die größere Welt und vor allem den Atem und die Maße großer Kunstunmittelbar zu spüren. Mit umso entschiedenerem Bewußtsein, aber nicht aus enger und blinder Selbstüberschätzung bekenne ich mich dann zum Rutarhof …

… Ich wurde nämlich von der Schule und einigen Mitschülern, die wieder sich ins Leben zurückgemeldet haben, zur 40jährigen Maturafeier eingeladen und wollte nach so vielen Jahren doch noch einmal die alte, ach so überfremdete Heimat wiedersehen , und ich hatte mich umso leichter entschlossen, weil ich die kurze Reise mit einem (wahrscheinlich letzten) Besuch des von mir herzlich verehrten Dr. Becker in Bielefeld und seiner Frau verbinden wollte, der im Herbst seinen 80. Geburtstag feierte. Wie dann der Termin näherrückte, erschien es mir als Wahnsinn, mitten im Zuge der Arbeit, der doch alles Leben hier gilt, die Pinsel aus der Hand zu legen. So habe ich kurzerhand den schon fixen Reiseplan aufgegeben; in der Nach fiel mir Cézanne ein, wie er in seiner Malversessenheit nicht einmal zum Begräbnis seiner Mutter gehen konnte. …

… So waren wir also eineinhalb Tage in Venedig, dreiviertel in Verona und einen Nachmittag in Padua. Vor den Bronzetüren vor S. Zeno gestanden zu sein, gehört zu den stärksten Kunsteindrücken  meines Lebens. Dazu ist nun einmal das Sinnlich-Gegenwärtige notwendig, mehr als das bildungsmäßig Mittelbare.

Nun also sind wir wieder zu Hause, für mich allemal die größte, neueste Entdeckung: das Hiersein, das Immer-hier-Sein, eine Stätte zu haben, eine Aufgabe und im Begrenzten die Welt. So nur kann man bestehen, stehen gegenüber dem grauenhaften Kunstrummel auf der Welt. …

… Montag war ich auf dem Bleiburger Mittfastenmarkt skizzieren, es war so ein strahlender Tag, und das Theatrum mundi. Das meiner kleinen Welt hier, erschien mir  bewegend und erregend wie am ersten Tage …

… In früheren Jahren habe ich auch aquarelliert, sehr gern. Mit den Jahren habe ich mich aufs Ölbild, den Holzschnitt und das Skizzieren (sehr wichtig) beschränkt.

Ich habe früher auch radiert und mich in fast allen Techniken umgetan. Daß ich mich schließlich auf den reinen Schwarz-Weiß- Holzschnitt als einer Technik, die ich von A bis Z selbst in der Hand habe (ich drucke ausschließlich mit dem Falzbein auf Japanpapier), beschränkt habe, erscheint mir keineswegs als Minderung. Außerdem entspricht sie meiner Vorstellungswelt und Lebensart, ihr pures Schwarz-Weiß bietet dennoch unerschöpfliche Möglichkeiten und ist geradezu ein Gegenpol zu den vielfältigen und extensiven Finessen heutiger Druckgraphik. …

… Etliche Male war ich auch zum Skizzieren fort, wie mir scheinen will mit besonderem Erfolg. In der letzten Zeit haben es mir die Eisschützen angetan. Jenseits des Themas, der Anekdote, ergibt sich daraus eine beispielhafte Möglichkeit, Figuren und Figurenreihen auf der planen Fläche zu entwickeln, bei großen farbigen Spannungen vom trüben bis zum klaren Wintertag. Also wieder zur Staffelei! …

… Inzwischen ist in Bleiburg an der Errichtung der W.-B.-Galerie zügig gearbeitet worden, es wird dort etwas recht Besonderes entstehen. Nur bringt es auch viel Unruhe und Zerreißendes mit sich, und das Wagnis ist groß.

Leider ruht jetzt meine Arbeit, doch ist immerhin einiges Neue entstanden, das mich hoffen läßt, doch noch einmal etwas Anständiges zuwege bringen zu dürfen. Es klingt si pathetisch und ist doch so: mit der künstlerischen Arbeit ist es ein Kampf auf Leben und Tod, tagtäglich …

… Der Beckmann-Katalog ist wieder reich und üppig, doch ist wenig drin, das ich noch nicht kenne, und obschon ich die große Münchener B.-Ausstellung nicht gesehen habe, sind mir doch riesig viele Darbietungen zu Auge gekommen, am komprimiertesten im Zürcher Kunsthaus.

Mit der Zeit wird vieles irrsinnig überzogen, sodaß man sich zuweilen gegen solches Überfordert- und Überfüttertwerden wehrt. Es ist halt gar so eine Diskrepanz zwischen Kunst als Gesellschaftsspiel und der einsamen, lebensverzehrenden Mühe des Arbeitenden …

… In der Tat habe ich mich wie ein Damischer ans Malen gehalten, und das Ergebnis, an die 20 Bilder, wenn auch meist kleineren und mittleren Formates, will mir gar nicht übel erscheinen. Nur mit den Pinseln in der Hand erliege ich nicht der Verkümmerung, und jetzt, da notwendig eine vorösterliche Pause mit vielen Erledigungen eingetreten ist, komme ich mir fast schon wieder wie eine Fisch auf dem Trockenen vor …

… Die Galerie ist dem 5. November geschlossen und aufgegeben … So aber war auf die Belastung, die Irritierung für mich unerträglich. Jenseits von Ressentiments und Empfindlichkeit, die jedenfalls in mir gründlich überwunden sind, habe ich in Anbetracht der unvorstellbaren Beschwertheit meiner Lebensumstände ökonomisch zu denken, wenn ich noch zu dem kommen will, wozu ich einzig verpflichtet bin: zur Arbeit.

Ich verkenne nicht das Außerordentliche der Meinung und Gesinnung, mit dem Sie mich mahnend an Aufgabe und Rückschuld der kleinen Sozietät gegenüber, in die ich eingebunden bin und bleibe, erinnern.

„Das Soziale“, eine Kategorie, die außerhalb des Künstlerischen liegt, praktiziere ich seit eh je im Leben wie kaum ein zweiter in solcher Situation. Im übrigen aber zitiere ich ausnahms- und keineswegs eingeschworenerweise aus den Minima Moralia: „Für den Intellektuellen ist unverbrüchliche Einsamkeit die einzige Gestalt, in der er Solidarität etwa noch zu beweisen vermag.“ …

Aus den Briefen - 1970 bis 1979

… Gestern war ich in St. Luzia zeichnen (Lorenzi) es war gottseidank einmal wieder ergiebig und hat mich zu gerührtem Dank gestimmt, daß es noch einen Ort gibt, der mich aufnimmt und erfüllt …

… Inzwischen habe ich in einer Tour mit großer Anstrengung in Holz gesäbelt. Mit den Resultaten bin ich nun doch nicht unzufrieden, will mich bis zum Oktober dazuhalten und muß dann – saure Angelegenheit – drucken, da ich diesmal immer nur einen Probedruck gemacht habe, um so wenig wie möglich aus Konzept und Arbeitsfluß herauszukommen. …

… Mich frißt die Malerei, und nur in der Versessenheit der Arbeit kann ich mich und unbeschreibliche Bedrängnisse überwinden …

… Die Galerie hatte (hat noch ) eine gute Saison, von mancherlei Plänen, die an mich herangetragen wurden, habe ich Abstand genommen. Alles würde Zeit kosten und die Kraft mindern die ich für die Arbeit brauche. …

… Heute war ich das erste Mal im neuen Jahr skizzieren, Dreikönig in Eberndorf ist ja für meine Arbeit ein Lostag sondergleichen. Kalt war’s und leider kein Schneefall vorher wie sonst überall ringsum, aber ich war nicht unzufrieden, noch ist bei all dem Bildschwund und Maßzerfall das tiefere Geheimnis nicht ganz umzubringen, und über allem stand in der dunklen, dann langsam lichtenden Früh ein schmaler Sichelmond, die Welt noch verzaubernd im Untergehn.

Ich hoffe in wenigen Tagen (trotz einer damisch verknacksten Schulter) wieder die Pinsel zu halten. Freilich werde ich aus meiner Bilderwelt nie herauskönnen und darf es nicht, - mir selbst erscheint sie nie eng oder verbraucht …

… Ich war in Zürich und Basel, wo ich herrliche Dinge gesehen habe, aber auch Abstrusitäten. Von jeher habe ich es für notwendig gehalten, mich immer wieder unmittelbar dem Maß der großen Gestaltung zu stellen, - aber auch dem Schock, dem Affront der Kunst-Terroristen nicht auszuweichen. Alles hat seinen tieferen inneren Grund und Zusammenhang, den der selbstgerechte Bürger nicht ahnt …

… Ich will keinen Augenblick meine Unzulänglichkeit und mein Fehlen hinwegreden, aber immer hat mich mit Unbedingtheit das Streben durchdrungen, mit allen Sinnen die Welt, die meinige, zu ergreifen und ihre geistige Verwandlung zu Gestalt zu vollbringen. Das Ergebnis sei so oder so: ultra posse nemo tenetur. Bei uns trotz allem ahnt niemand, von welch reicher Gemeinsamkeit einst dieses Rutarho-Leben war. Dieses „trotz“ aber beziehe sich auf ein unabdingbar Leidliches, das nahezu schon Gemeinplatz ist: den Egoismus des Künstlers, der in Wahrheit sich selbst verzehrt.

Nie bin ich mit Angst in einen Winter gegangen wie diesmal, vielleicht reißt mich die Arbeit dennoch wieder heraus und über den Gram empor. Bevor es soweit ist, stehe ich im Grunde immer in dunkler Bangnis. Jedes Hervorbringen bleibt rätselhaften Ursprungs, und rückwärtsblickend staune ich dankbar, was entstehen durfte.

Mein letzter Wunsch ist, ohne Haß und Hadern von dieser Welt zu scheiden. Noch aber möchte ich, sooft es mir schon unmöglich schien, nicht aufgeben und habe, lächelnd mich erinnernd, das einstiege Kommando vom Barras im Ohr: „Weitermachen!“